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Die alltäglichen kommunikativen Verluste durch den freiwilligen Verzicht auf die Muttersprache

Vor kurzem hatte ich die folgende zweiteilige Skype-Konversation mit einem Mitarbeiter zu einer Wording-Frage.

Stephan: Hallo sca, sind bei XXX Bestellfeed und Auftragsdatenfeed das Gleiche? Auftragsdatenfeed hieß es in der ersten Planung, nun gibt es das nicht mehr, dafür aber den Bestellfeed.

sca: Ja, wobei eigentlich Auftragsdatenfeed mehr Sinn macht. Was haben wir denn im Code?

Stephan: Da heisst es “order data”

sca: passt, dann schauen wir, dass wir das auch in Confluence anpassen.

Stephan: ok

 

Etwas später, nachdem in Confluence jetzt überall “Bestellfeed” auftaucht:

sca: Wir haben uns jetzt auf Auftrag geeinigt oder?

Stephan: kommt darauf an, wie man order übersetzt, ich hatte das jetzt als Bestellfeed verstanden.

Dies ist eines von vielen Beispielen aus unserem Alltag durch die Vermischung von Deutsch und Englisch. In diesem Fall – Java Code ist eben in Englisch geschrieben und dokumentiert – nicht wirklich zu vermeiden.

English

Und doch nehme ich es zum Anlass ein paar Worte dazu zu verlieren wie schade ich es finde, dass überall versucht wird in Englisch zu schreiben und zu sprechen, statt diese präzise Sprache zu nutzen, die vielen von uns als Muttersprache mitgegeben wurde. Und ich könnte viele weitere Beispiele aus meinem Alltag auflisten.

Es wird auf Englisch gebloggt, getweetet, gepitcht und manche Startups fangen erst gar nicht damit an, eine deutsche Website zu machen. Ich bin ja sehr froh darüber, dass in der Zwischenzeit die meisten Leute in der Lage sind Englisch zu lesen, zu sprechen und zu schreiben und ich kann auch das Argument der internationalen Ausrichtung verstehen. Wir haben z.B. seit Jahren einen Englischlehrer, der jede Woche mehrmals im Büro ist und bei dem Mitarbeiter Stunden einplanen können.

20 Jahre intensive internationale Geschäfte und mehrere Jahre Leben in den USA haben mein Englisch auf einen ordentlichen Stand gebracht und doch stelle ich immer wieder fest, dass es relevante Verluste an Präzision und Inhalt gibt, wenn ich auf Englisch kommuniziere. Und selbst wenn ich mir einbilden würde, dass ich Englisch fast wie ein Muttersprachler beherrsche, bleibt immer noch das Problem auf der Seite der Kommunikationsempfänger.

Es ist für uns leichter in Englisch zu kommunizieren, da wir die Ungenauigkeiten nicht merken

Wir haben amerikanische Kollegen und Partner und das zwingt uns logischerweise dazu, recht viel in Englisch zu dokumentieren und kommunizieren. Und das ist paradoxerweise im ersten Schritt erst einmal leichter. Es ist leichter sich zu artikulieren, wenn das eingebaute System zur Qualitätskontrolle des Gesagten oder Geschriebenen nicht so gut funktioniert wie in der Muttersprache. Man kann Sätze sagen, die richtig klingen aber evtl. große Unklarheiten enthalten.

Für die Software-Entwickler ist Englisch auch logischerweise im Alltag sehr präsent aber englische Code-Kommentare bedeuten noch keine Vorentscheidung dafür, wie darum herum kommuniziert wird.

Was sind die Optionen? 

  • weiterhin viel oder alles auf Englisch schreiben
  • immer wieder im Einzelfall prüfen, welche Sprache angebracht ist
  • weitestgehend auf Deutsch schreiben und, wo notwendig, übersetzen lassen

Internationale Ausrichtung ist wichtig

Der Blick über den Tellerrand des deutschen Marktes ist elementar wichtig für die Entwicklungsmöglichkeiten vieler Unternehmen. Um außerhalb Deutschlands erfolgreich zu sein, muss man jedoch hochwertige lokalisierte Angebote bereitstellen, die Dokumentation sollte in hoher sprachlicher Qualität sein und die Kunden und Nutzer sollten sich angesprochen fühlen ohne zu merken, woher das Angebot kommt. Das erreichen wir nicht dadurch, dass wir eben einfach alles auf Englisch schreiben. Das erreichen wir über qualitativ hochwertige Quellen (und das kann fast jeder am Besten in seiner Muttersprache) und eine hochwertige Übersetzung.

Dieser Ansatz ist auf den ersten Blick etwas teurer, aber eben auch der Höherwertige. Und Deutschland ist nun mal ein Land, das primär mit hochwertigen Produkten und Dienstleistungen erfolgreich ist und hoffentlich auch in Zukunft erfolgreich sein wird.

Wie sieht es mit internationalen Teams aus?

Das ist für mich die schwierigste Frage. Eine einfache Lösung ist es natürlich, wenn alle den kleinsten gemeinsamen Nenner benutzen: Englisch. Aber ist das wirklich sinnvoll und genug? Wenn ein Team zu 80% international aufgestellt ist, dann erscheint das sicherlich sinnvoll und der kleinste gemeinsame Nenner ist recht groß. In vielen anderen Fällen ist diese vermeintlich einfachste Lösung aber mit großen Verlusten behafftet und Kommunikation ist in modernen Entwicklungsprozessen eben eine der zentralen Säulen.

Es gibt für jeden Fall sicherlich noch andere Lösungen. Mittelwege, Deutschunterricht, Sprachpartner, …

Kommunikation ist schon in der Muttersprache schwer genug

Es gibt sicherlich keine allgemein gültige Lösung. Wichtig ist aber, dass wir immer wieder sehr genau prüfen, ob der Preis, den wir durch das Kommunizieren in einer Fremdsprache bezahlen, den Vorteil aufwiegt. Es ist schon schwer genug, ohne zu große Verluste in der eigenen Muttersprache zu kommunizieren (siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modellhttps://de.wikipedia.org/wiki/Sender-Empf%C3%A4nger-Modell). Warum bauen wir dann ungezwungen noch größere Risiken ein?

500px-Vier-Seiten-Modell_deEine belgische Ex-Freundin von mir hat sich geweigert auf Deutsch mit mir zu sprechen (was ihre 2. Fremdsprache war) und statt dessen die gemeinsame Fremdsprache Englisch vorgezogen. Sie wollte mir den Vorteil der Muttersprache nicht überlassen. Warum verschenken wir diesen Vorteil im Alltag so oft?

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